Gedanken über die Ölgemälde von Silke Schöner

Mein Interesse ist es, durch die Fiktion des Realen das Irreale, das Unbenannte in der weißen Bildfläche wahrnehmbar zu machen.

Die Präsenz des realistisch gemalten Motivs, Momentaufnahmen aus dem öffentlichen Raum, steht in direkter Wechselbeziehung zu der freigelassenen Fläche. Dieser nicht gestaltete Raum konzentriert die Bewegung zum Motiv hin oder zieht sich ohne Begrenzung aus dem Bildraum hinaus.

Der Ausschnitt des realen Motives ergibt sich aus der Unlust, das Unwesentliche zu malen. So bleiben vereinzelt in den Bildern neben den durchgemalten Fragmenten die Schattenanlage, die Bleistiftzeichnung bis hin zu dem nicht Gemalten sichtbar.

Schöner 2003

 

Die Bildsprache ist für mich ein voll befriedigendes Medium Inhalte zu transportieren. Der Schwerpunkt der Begrifflichkeit Bildsprache liegt bei dem Wesen des Bildes und nutzt die Formulierung Sprache lediglich als Hilfsmittel zum Verständnis der Kommunikation. Ich erlebe die Entstehung des Bildes und die Betrachtung des eigenen Werkes erst dann als vollständig, wenn dieser Prozess emotional und sinnlich ist. Die Wahrnehmung und das Erleben auf der realen, seelischen und phantastischen Ebene sind der Zugang in meine Bildwelt.

Das Thema meiner Bilder steht in enger Verwandtschaft zu den Fragestellungen der Ontologie: Was ist Realität? Ab wann verändert sich die Realität?
Was ist der Realitätsunterschied zwischen der Bildwirklichkeit und der Welt–Wirklichkeit? Wie kann ich meine innere Welt in Bildern repräsentieren und nicht nur abbilden?                                          

Ich male nicht die gesamte Realität, so dass die Leerstelle ausschließlich mit den Eigenschaften meiner Wirklichkeit gefüllt ist. Ich versuche durch die Illusion des Realen das Irreale, das Unbenannte in der weißen Bildfläche wahrnehmbar zu machen. Aber wie komme ich dahin?

Die Landschaftsausschnitte sind von Weiß umgeben. Ein nicht definierter Raum. Das Weiß ist eine Leere, die mit dem, was der Rezipient wahrnimmt, angefüllt ist. Selbst wenn Imaginationen wie Himmel, Wasser oder Boden entstehen, bleibt der Träger (das Weiß) konstant und eine Grundempfindung, die im Immateriellen wurzelt, überlagert das verstandesmäßige Erkennen.
Diese Verunsicherung löst die Suche nach einer Neuorientierung aus. Der Eine findet sie in der materiellen Wirklichkeit durch bildhaftes oder begriffliches Assoziieren und der Andere durch das Loslassen unserer Erfahrungsrealität und in dem Hineinbegeben in eine neue illusionäre Welt.

Die räumliche und die zeitliche Wahrnehmung sind miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Wird der Raum im Bild nicht überall benannt, kommt auch das damit verbundene Zeitgefühl ins Schwanken und die Orientierung im Bild muss neu überprüft werden.
Das Zeiterleben ist ein Teil unseres Bewusstseins über uns selbst. Es entsteht aus der Erfahrung der eigenen kontinuierlichen oder „fließenden“ Seins-Entwicklung.

In meinen Bildern entsteht durch das Weglassen der materiellen Form der Weißraum, der das räumliche und zeitliche Erleben der Landschaft verändert und damit eine neue Empfindung auslöst. Diese Empfindung liegt näher an der Wirklichkeit, die ich z. B. bei einer schnellen Autofahrt erlebe, als die Realität mich glauben läßt: obwohl ich mich mit dem schnellen Auto von einem Ort zum anderen bewege, bleibt die Landschaft in der Ferne wie ein Standbild in meinem Inneren haften und gibt mir Ruhe. 
Die Notwendigkeit den Himmel oder die Straße zu malen entfällt. Der Ausschnitt des realen Motives ergibt sich aus der Unlust, das Unwesentliche zu malen.

Wie durch gestaltpsychologische Vorgänge erklärt, ergänzt der Betrachter des Bildes, Lücken und Leerstellen und macht das Unvollständige vollständig. Der Weißraum der nicht gemalten Straße wird in der Vorstellung mit der Dinghaftigkeit oder der Realität der Straße gefüllt und hat paradoxerweise die Möglichkeit, das Attribut der Abwesenheit der existierenden Straße wahrnehmbar zu machen. Nicht die Bodenlosigkeit ist der Effekt, sondern die Freiheit des Geistes.

Jedes Wahrgenommene wird in einen strukturierten Zusammenhang gestellt und gelangt zu Sinn und Bedeutung durch die Feldwirkung des Ganzen, das mehr ist als die Summe der Teile.“ (C. Scharfetter, Psychiater)

Folglich ist es möglich, den Ausdruck des realistisch gemalten Motives nicht durch emotional verfremdete Farbgebung oder durch formgebende Abstraktion zu verändern, sondern allein durch das Weglassen zu bestimmen.

Entitäten wie Leere, Zeitlosigkeit oder unendliche Weite (räumliches Empfinden) sind in manchen ungegenständlichen Bildern spürbar; aber mich interessiert die Wechselbeziehung und die Verbindung zwischen der Realität und dem Geistigen.

Durch den Weißraum greife ich in das gegenständliche Motiv hinein, ohne es zu berühren. Die Form, die gegenständliche Abbildung, bleibt bestehen und dennoch verändert sich das innere Empfinden zu dem Ganzen.

Als Malerin von Landschaftsgemälden erlebe ich die Entstehung einer eigenen (Bild-)Welt direkt. Ich sehe mich an dem Bild beteiligt, aber wer oder was das letztendliche Resultat mit beeinflusst, lässt sich nicht beweisen. Natürlich stehen Inhalte, Atmosphären und Können zur Diskussion. Aber da wo die Sprache aufhört, wo die Philosophie und Psychologie in das Unfassbare hinein greift, bleibt der Kunst die Aufgabe, im Materiellen mit Farbe und Leinwand den Sprung in andere Dimensionen abzubilden, zu repräsentieren, spürbar zu machen und als materieller Träger Füllhorn für das Geistige zu sein.

Schöner 2006

 

home